Jahr lang wegen Infektionsgefahr meiden Sogar meine Töchter wieder streiten zu hören, genoss ich über alle Maßen, denn das hatte es während der Ausnahmesituation so gar nicht gegeben Ich glaube, das Jahr nach dem harten Jahr war das schönste meines Lebens Und wie sehr nahm ich mir damals vor, diese Dankbarkeit, diese tiefe Zufriedenheit und Demut für immer zu behalten Die Wahrheit? Das klappte leider nur bedingt Schon heute, nur zwei Jahre danach muss ich mich immer wieder aufs Neue daran erinnern, dass unser Leben auch anders aussehen könnte und dass man keinen Anspruch darauf hat, gesund zu sein und ein gesundes Kind zu haben Jedem von uns kann es jederzeit passieren, dass unser Leben aus den Angeln gehoben wird und alles, was selbstverständlich erscheint, plötzlich stillsteht Und trotzdem ärgere ich mich wieder über die Lautstärke der Nachbarn, über zwei Kilos zu viel, über kaltes Wetter und über das Streiten meiner Kinder Und ich ärgere mich, weil ich mich ärgere Aber weißt du, was das Schöne daran ist? All diese klitzekleinen, unbedeutenden Ärgernisse zeigen eines ganz deutlich – nämlich, dass ich aktuell keine größeren Sorgen habe Sie sind ein Luxus, ein Symbol verschwenderischen Glücks, eine Freiheitsstatue des Wohlbefindens. Und genau darüber bin ich heute einfach unendlich dankbar. Klingt einfacher, als es ist Denn solange im Leben alles in geordneten Bahnen läuft, ist man sich meiner Erfahrung nach gar nicht bewusst, wofür man alles dankbar sein könnte Oder man weiß es, fühlt es aber nicht tief drinnen Wie sich das anfühlt, merkt man erst, wenn es nicht mehr so gut läuft … Nach unserem harten Jahr und als feststand, dass unsere Tochter ihre Stammzellentransplantation mit nur geringen Nebenwirkungen überstanden hatte, umspülte mich keine Welle der Dankbarkeit Was mich erfasste, war ein Strom, ein Tsunami, so massiv, wie ich es nie erwartet hätte Nämlich nicht nur für das Naheliegendste – dass mein Kind weiterleben und gesund werden durfte – nein, für eine Million andere Dinge! Ich war dankbar für jede Minute unter freiem Him- mel und nicht in luftgefilterten Klinikzimmern. Für jeden kalten Regentropfen auf der Haut, für jedes Rascheln eines Baumes Für meine Kleidung, mein altes Auto, meine Nachbarschaft, das Land Öster- reich, dafür, dass es noch jemanden gibt, der die undankbaren Jobs in der Politik übernimmt (und in der Krankenpflege und im Bildungswesen!), für unser Gesundheitssystem und alle Wissenschaft- ler, die im stillen Kämmerlein für uns forschen Dafür, dass Sommer war oder Winter und alles dazwischen Einfach dafür, ein Mensch zu sein und in dieser Zeit zu leben Für ALLES war ich dankbar Jedes noch so kurze Aufeinandertreffen mit Freun- den war ein Fest – mussten wir sie doch ein ganzes www.kinderhilfe.at 29